26. November 2011 00:45:27 CET
Der Heilige Hüseyin wird im Jahr 680 n.Chr. nach Kufe gerufen um die unrechtmäßige Herrschaft Yezids zu beenden. Er und seine Gefolgsleute werden allerdings von Yezids Armee in der Wüste zu Kerbela (im heutigen Irak) gestellt und gezwungen tagelang ohne Essen und vor allem Wasser auszukommen.
Yezid will Hüseyin so dazu zwingen, dass dieser die Rechtmäßigkeit seiner Herrschaft anerkennt. Hüseyin macht das nicht und die Tragödie endet mit der Ermordung Hüseyins. Kerbela wird zum Symbol von Trauer, Widerstand und Gerechtigkeitsliebe. Dieser Vorfall bildet zugleich den Grund für die Trauertage im (1. bis 12. Tag des Monats) Muharrem. Die Menschen drücken in diesen Tagen ihre Anteilnahme an den historischen Vorfällen aus. In praktischer Hinsicht wird von vielen Menschen alevitischen Glaubens an diesen Tagen tagsüber gefasstet, aber auch sonst kein klares / reines Wasser getrunken, man hält sich von Gegenständen, die zur Ausübung von Gewalt dienen könnten fern (z.B. Messern), verzehrt kein Fleisch, lebt enthaltsam und versucht in Harmonie mit seinen Mitmenschen zu verfahren. Durch diesen biologischen und genüsslichen Verzicht soll das Leiden Hüseyins mitempfunden und gleichzeitig die eigene Seele von Unreinem befreit werden.
Die Trauer- und Fastentage im Muharrem (erster Monat nach arabischem Kalender) sind einer der zentralen religiösen Elemente des alevitischen Glaubens. „Was immer du suchst, suche es in dir. Nicht in Jerusalem, in Mekka oder auf der Pilgerfahrt.“ So lautet ein berühmter Leitsatz des alevitischen Vordenkers Hace Bektaş Veli, der im 13. Jahrhundert nach Christus lebte. Somit wird der einzelne Mensch zur Erkenntnisgrundlage auf die Fragen des Lebens. Sicherlich macht jeder Mensch Erfahrungen auf seine persönliche Art, drückt sich anders aus oder empfindet das Gleiche anders als andere Menschen. Es scheint also nicht sinnvoll zu sein, dass eine Religion versucht, die Menschen nach festen Handlungsrichtlinien (Dogmen) und Regeln zu erziehen oder zu leiten.
Der Philosoph Spinoza sah den Zugang zu Gott in der individuellen Liebe, also im Herzen eines Menschen bekundet. An diesem Punkt setzt auch der Vorstand der Alevitischen Gemeinde Deutschlands (AABF) in einer Erklärung auf der digitalen Präsenz (www.Alevi.com) des Verbandes an. „Hüseyin (Enkel des Propheten Mohammed und Sohn des Heiligen Ali, der wiederum eine zentrale Person im alevitischen Glauben darstellt) war gegen die Ausbildung vor autoritären Strukturen im Glauben und dagegen, dass die Religion Druck auf die Menschen ausübte. Hüseyin sprach sich für die Wichtigkeit der Liebe in einer Religion aus.“
Das Fasten an diesen Tagen stellt keine fese Regel dar, sondern ist dem Individuum selbst überlassen, im Gegensatz zum muslimischen Fastenmonat Ramadan. Dieser wird den Gläubigen als Pflicht auferlegt, endet jedoch mit Sonnenuntergang. Das ‘aufgestaute’ Essensbedürfniss wird anschließend wieder befriedigt. Im alevitischen Fastenmonat Muharrem hingegen, werden die 12 Tage als eine Zeitspanne angesehen, in denen alle Genüsse auf ein Minimum reduziert werden. So kann der freiwillige und bewußte Verzicht eines Kindes auf das Fernsehen genauso eine Widmung an Hüseyin und dessen Leiden darstellen, wie das Fasten eines Erwachsenen. Andersherum kann der bloße Verzicht auf Essen und Trinken ohne genaues Wissen darüber, warum dies getan wird im Grunde kaum Sinn der Sache sein. Die Individualisierung, das bewußte Weggehen von sturen Pflichten zu Gunsten von individuellen Entscheidungen ist ein entscheidender Aspekt der “alevitischen Idee”.
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